Juni 2017

Das Gegenteil von gut

Zwar ist es eine ironische Redensart, aber wie immer steckt auch ein Fünkchen Wahrheit darin (der, die, das Wahrheit): Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Besonders gut gemeint haben es wohl die LektorInnen des Gesangbuchs zum Evangelischen Kirchentag. Gerechte Sprache wollten sie haben, und fühlten sich bemüßigt, in jahrhundertealte Liedtexte hineinzupfuschen. Als ob das nötig gewesen wäre.

Nur damit die Frauenseite nicht unerwähnt bleibt, wird zum Beispiel aus „ihr Brüder“ „Schwestern, Brüder“. Undsoweiter. Haben wir Frauen das nötig, dass irgendwelche (meist sowieso männliche) Obrigkeiten gnädiger Weise darauf achten, dass immer und in jedem Zusammenhang Männliches und Weibliches zugleich formuliert werden? Ich meine: nein. Wir sind souverän genug, um zu verstehen, was gemeint ist. Sprache ist nichts Anderes als Konvention: Die Vereinbarung darüber, was gemeint ist, wenn etwas beim Namen genannt wird.

Ein Hausbesitzer hat Mieter, auch wenn es fast nur Frauen sind. Ein Busfahrer hat Passagiere, auch wenn hinter ihm nur Mütterchen sitzen. Das Schiff heißt Admiral Sowieso (männlich). Sie, die Admiral Sowieso, liegt im Hafen. Wir verstehen, was gemeint ist, und denken nicht weiter darüber nach. Weil es egal ist.

Wenn Sie gerade so schön im Schwung sind, liebe Wächterinnen und Wächter der gerechten Sprache – nehmen Sie sich doch bitte gleich mal die „Ode an die Freude“ vor. Da heißt es: „Alle Menschen werden Brüder“. Skandalös! Das muss Ihnen doch in den Ohren klingeln! Mein Vorschlag zur Güte: „Alle Menschen wer’n Geschwister“. Den Apostroph würden Sie brauchen, um die sangbare Silbenzahl einschließlich Hebungen und Senkungen zu erhalten. Schön ist etwas anderes, aber sei’s drum.
Andererseits: „Geschwister“? Wo bleiben dann die „Gebrüder“? Das ist jetzt auch wieder nicht gerecht. Sie werden daran arbeiten, nehme ich an.

Wir sind eine christliche Partei und sprechen über Gott. Nicht der die das Gott, sondern einfach Gott. Wir pflegen eine Sprache, die sich über Jahrhunderte geformt hat. Lassen wir es dabei, ohne Krampf. Ich meine ja nur.

Ihre
Heidrun Leinenbach